Der Weg


Oase des Friedens (17. August)


Wie geplant erreichen wir nach zwei - zugegebenermaßen sehr kurzen - Tagesreisen gegen Mittag Neve Shalom/Wahat al Salam, die Oase des Friedens. Der Empfang in dem Dorf ist ein wenig chaotisch: Irgendwie scheint noch keiner mit uns zu rechnen. Doch das ändert sich schnell: Howard nimmt sich unserer an und beantwortet bereitwillig unsere vielen Fragen zur Geschichte dieses Fleckchens Erde. Wie es dazu gekommen ist, dass hier jüdische und arabische Israelis zusammen leben, mit welchen Vorstellungen Bruno Hussar, der Gründer des Dorfes, hierher gekommen ist und was aus diesen geworden ist, wie sich das Dorf entwickelt hat, und, und, und.


Howard begleitet uns nach über zwei Stunden Gespräch zum Mittagessen in das Gästehaus der Gemeinschaft und wir können neben unserem Wissensdurst unseren Hunger stillen. Heute ist das Gästehaus komplett ausgebucht - eine große Gruppe war in den letzten Tagen zu Besuch. Überhaupt ist sehr viel Leben in diesem kleinen Dorf, wenn ich bedenke, dass hier nur 50 Familien wohnen. Jede Menge Besucher, die mit Bussen hierher gebracht werden. Manche, so erfahren wir später, wollen etwas über das Dorf erfahren, andere wollen einfach nur im Swimmingpool ein paar Runden drehen. Der Swimmingpool hat sich zu so etwas wie einem Anziehungsmagneten entwickelt. Viele Leute kommen allein deswegen hierher, und nebenbei erfahren sie etwas über das in Israel ungewöhnliche Zusammenleben von Juden und Arabern.


In den vier Tagen, die wir hier verbringen dürfen, erfahren auch wir eine Menge über dieses Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Israel. Allein schon die Unterscheidung zwischen Juden und Arabern ist gewöhnungsbedüftig: Beide sind Israelis, denn in Israel leben etwa 17% Staatsangehörige arabischer Herkunft. Für gewöhnlich denkt man - denke ich - es würde unterschieden zwischen Israelis und Palästinensern. Doch diese Unterscheidung ist nicht wirklich zutreffend, da mit "Palästinenser" die Menschen in den besetzten Gebieten, also der Westbank und des Gazastreifens, gemeint sind. Auch wenn die in Israel lebenden Araber zum größten Teil von ihrer Volkszugehörigkeit her Palästinenser sind. Alles klar?!


So geht es mir oft. Bei den Gesprächen mit Michal, Ahmad und Wisam glaube ich manchmal, etwas verstanden zu haben. Doch kurze Zeit später oder beim nächsten Gespräch merke ich, dass es viel komplizierter ist als ich gedacht hatte. Der Konflikt im Nahen Osten ist nicht nur eine Sache zwischen Israelis und Palästinensern, oder zwischen Israelis und den arabischen Nachbarstaaten, nein er geht mitten durch die israelische Bevölkerung. Er prägt das Leben: Kindergarten, Schule, Studium, Arbeit. Er ist immer da - ist nie weg. Und so erschließt sich mir noch einmal viel tiefer und hautnah, wie wichtig Neve Shalom/Wahat al Salam ist: Hier leben jüdische und arabische Israelis zusammen statt nebeneinander. Und wie in jedem kleinen Dorf gibt es auch hier Konflikte, Streit, Neid, Missgunst. Aber all das hat nichts damit zu tun, dass der Nachbar Jude ist oder das Kind auf der Straße Araber. Es ist das alltägliche Leben im Dorf. Und für "Neue" scheint dies ein wesentlicher Erkenntnisgewinn zu sein: Unsere Konflikte haben nichts mit der Abstammung des Anderen zu tun, sondern haben darin ihre Ursache, dass er ein anderer Mensch mit anderen Ansichten ist.


Und Neve Shalom/Wahat al Salam bleibt nicht dabei stehen, "nur" zusammen zu leben. 24 Lehererinnen und Lehrer vermitteln im zweisprachigen Unterricht über 200 Kindern aus dem Dorf und dessen Umgebung, wie gleichberechtigtes Lernen geht. Und bei den jährlich 15 abgehaltenen "Friedenskursen" lernen jeweils 60 Jugendliche, den Wurzeln des Konflikts auf den Grund zu gehen: Einsicht als erster Weg aus der Sackgasse.


Als wir am Samstag Richtung Rishon Le Zion, der Partnerstadt Münsters, aufbrechen, denke ich noch einmal an den Namen des Dorfes. Irgendwie ist "Oase des Friedens" unpassend. Denn dies ist nicht nur eine kleine Oase, sondern hier wurden inzwischen so viele Botschafter des Friedens ausgebildet, dass das "Wasser" nicht nur vor Ort bleibt, sondern ins ganze Land getragen wird.